KULTUR - GEHÖRLOSENKULTUR : Was soll denn da verschieden sein?
In meinem Lexikon wird Kultur definiert als Überschuss menschlicher Leistung, wenn die grundlegenden Lebensbedingungen erfüllt sind. Das heisst, Kultur ist all das was wir machen oder nicht machen - wenn eine minimale Ernährung, eine warme Kleidung und ein Dach über dem Kopf gesichert sind.
Das bedeutet, dass Kultur durch die Beziehung und die Kommunikation zwischen Menschen entsteht und lebt.
So hat die Menschheit seit Adam und Eva ein riesiges kulturelles Gut geschaffen - und wir schaffen immer noch daran. Ständig wird neue Kultur geschaffen, ständig geht alte Kultur verloren. Neue Generationen werden das kulturelle Erbe übernehmen oder ablehnen, und sicher wieder neues kulturelles Gut schaffen.
Wenn Kultur durch Kommunikation zwischen Menschen entsteht, dann ist Kultur vor allem auf Sprache aufgebaut. Ein zufälliger Blick in die Welt zeigt das klar: Was ist zum Beispiel die italienische Kultur ohne die italienische Sprache? Oder was ist die italienische Sprache ohne die italienische Kultur? Beide sind untrennbar verbunden, das eine ist nicht viel Wert ohne das andere.
Und was bringt einem das einsame, stille Anschauen eines Meisterwerkes von Picasso, oder von Rembrandt, wenn man nicht mit jemanden entspannt und mühelos darüber diskutieren kann?
Auch Gehörlose leben nicht von Brot allein, auch sie haben Hunger nach Nahrung für Geist und Seele. Es ist darum nicht erstaunlich, dass in praktisch allen Ländern Gehörlose die erste Behindertengruppe waren, die eigene Vereine gegründet haben. Die Pflege der Geselligkeit und der Bildung stand offiziell meist im Vordergrund. Im Grunde genommen ging es aber stets um das gleiche: Um einen Ausbruch aus der täglichen Isolation unter Hörenden, die man kaum verstehen konnte, von denen man nicht verstanden wurde, von denen man als "nicht normal" angesehen wurde, und deren Kultur weitgehend unverständlich und unzugänglich blieb.
Zur Gehörlosenkultur gehört, dass man nur miteinander kommuniziert, wenn man sich ansieht. Das "aneinander vorbeireden" das Normalhörende oft unbewusst praktizieren ist so kaum möglich. Der direkte Blickkontakt und die Mimik zeigen schnell, ob der Partner versteht, ob er interessiert oder gelangweilt ist. Denn Gehörlose kompensieren das fehlende Gehör durch eine ausgeprägte Beobachtungsgabe. Der Blickkontakt muss aber jedes Mal hergestellt werden. Das geschieht durch das Antippen mit der Hand, durch Winken aus der Distanz, durch Klopfen auf den Tisch oder den Boden, oder bei grossen Gruppen durch das Ein- und Ausschalten der Beleuchtung.
Zur Gehörlosenkultur gehört auch die künstlerische Verarbeitung der optischen Eindrücke die der Gehörlose tagtäglich aufnimmt. Dies geschieht zum Beispiel in spontan gebildeten Theatergruppen wo mit Gebärdensprache und Pantomime gearbeitet wird. Es gibt auch einzelne Gehörlose die zu richtigen Pantomimenkünstlern geworden sind. Im Ausland gibt es professionelle Theatergruppen die nur aus Gehörlosen bestehen und zum Teil weltweite Tourneen absolvieren.
Mit der wachsenden Anerkennung der Gebärdensprache als vollwertige Sprache tauchen auch immer öfter Gebärdensprach-Dichter auf die ihre Kunstwerke in künstlerischer Gebärdensprache auf der Bühne präsentieren.
Andere Gehörlose benützen die Malerei und die moderne Videotechnik oder die Fotographie für optische Kunstwerke.
Kultur - Gehörlosenkultur: Nicht allen das Gleiche, aber jedem das Seine, jedem das was ihm den Hunger von Geist und Seele stillt. Da gibt es doch gar keinen Unterschied - das ist ein menschliches Urbedürfnis das uns das Leben schön und angenehm macht!
Beat Kleeb (gehörlos) 1994






